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Jahrbuch der Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V. 

Interview mit Professor Al Bartlett

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Al Bartlett, emeritierter Professor der Universität von Colorado, war im Dezember 2005 zu Gast bei „Sustainable Population Australia“ (SPA). Er ist berühmt für seine Vorlesung „Arithmetik, Bevölkerung und Energie“, die er mehr als 1500 Mal an verschiedensten Orten der USA gehalten hat. In Australien hielt er Vorträge bei Versammlungen in Sydney, Canberra und Adelaide und besuchte auch Melbourne. Jenny Goldie interviewte Al Bartlett, als er bei ihr zu Hause in Michelago, New South Wales zu Gast war.

Dieses Interview erschien im SPA Newsletter Nr. 69 vom März 2006. Übersetzung Andreas Gruhl.

JG: Sie sagen, eines der größten Probleme der Menschheit sei unsere Unfähigkeit, die Exponentialfunktion zu verstehen. Können Sie uns in einfachen Worten erklären, was das bedeutet?

AB: Die Exponentialfunktion benutzt man immer, wenn man irgendeine Größe beschreiben will, die gleichmäßig anwächst, z.B. um jährlich fünf Prozent. Die Exponentialfunktion beschreibt das Wachstum, aber die Leute verstehen die Konsequenzen dieses durch die Exponentialfunktion beschriebenen Wachstums nicht. Eine der Eigenschaften gleichmäßigen Wachstums ist, dass es eine feste Verdoppelungsrate gibt. Diese kann man überschlägig berechnen, indem man die Zahl 70 durch den jährlichen prozentualen Zuwachs teilt. Bei einem jährlichen Zuwachs von beispielsweise fünf Prozent müssen Sie lediglich 70 durch fünf teilen, um herauszufinden, dass die wachsende Größe sich alle 14 Jahre verdoppeln wird. Berechnen Sie nun einmal zehn dieser Verdopplungen, so werden Sie herausfinden, dass die Ausgangsgröße bereits auf das Tausendfache angewachsen ist, ein Umstand, der viele Leute schlicht überrascht. Die meisten denken: „Oh, fünf Prozent Wachstum – das macht nicht viel aus“, aber wenn Sie sich die daraus resultierenden Ergebnisse anschauen, dann ist es wirklich erstaunlich. Neulich sah ich Zahlen für Australien, aus denen hervorging, dass die Bevölkerung in den hundert Jahren von 1905 bis 2005 auf das Fünffache angewachsen ist, nämlich von etwa 4 Millionen auf 20 Millionen Menschen. Welches ist nun die zugehörige Wachstumsrate, die sich aus der Exponentialfunktion ergibt? Sie liegt bei jährlich 1,6 bis 1,7 Prozent. Die allgemeine Reaktion auf 1,7 Prozent pro Jahr ist: „Oh, das ist ja so wenig, da könnte nie etwas Schlimmes passieren.“ Aber nun schauen Sie, was passiert ist! Die Bevölkerung hat sich in lediglich 100 Jahren verfünffacht. Und 100 Jahre sind kurz, verglichen mit der vergangenen oder noch zu erwartenden Lebensdauer einer Nation.

JG: Was sind denn dann die Auswirkungen auf Nachhaltigkeit? Was muß der Kern der Nachhaltigkeit sein?

AB: Nun, Nachhaltigkeit setzt den Willen voraus, dass irgend etwas, beispielsweise eine Gesellschaft, lange Zeit überdauert, wobei lang in Bezug auf die menschliche Lebenserwartung definiert ist. Wenn Sie sich die Berechnungsgrundlagen gleichmäßigen Wachstums und die Anforderung, dass die betrachteten Zeiträume lang im Vergleich zur menschlichen Lebensspanne sein sollen, gemeinsam anschauen, so werden Sie herausfinden, dass gleichmäßiges Wachstum riesige Zahlen zur Folge hat, sogar unmöglich große Zahlen, und das im eher harmlosen Zeitraum einiger weniger Menschenalter. Was sich daraus ergibt, ist die Unmöglichkeit eines langfristigen gleichmäßigen Wachstums eines jeden materiellen Gegenstandes. Zum Beispiel können Bevölkerungen nicht ständig gleichmäßig anwachsen. Wenn Sie über Nachhaltigkeit nachdenken, so müssen Sie über die zugrunde liegenden Gesetze nachdenken. Das erste Grundgesetz der Nachhaltigkeit ist: „Es gibt kein nachhaltiges Bevölkerungswachstum; es gibt kein nachhaltiges Wachstum der Ressourcennutzung.“ Hierbei handelt es sich um ein unverrückbares Gesetz. Es basiert auf Arithmetik und man kann darüber nicht debattieren ohne gleichzeitig auch über die Arithmetik debattieren zu wollen. Und dennoch habe ich vieles gehört und gelesen von Nachhaltigkeitsexperten, die den Leuten an keiner Stelle etwas über dieses Grundgesetz erzählen. „Experten“ geben alle möglichen, wortreichen, komplizierten und weitschweifigen Erklärungen für die unterschiedlichsten Dinge ab. Diese klingen ausgereift und gelehrsam aber dringen niemals zu den elementaren Grundlagen vor, die auch vom Mann auf der Straße verstanden werden können. Ihr müßt das Bevölkerungswachstum stoppen; dies ist eine notwendige Voraussetzung für Nachhaltigkeit. Eine hinreichende Voraussetzung ist es jedoch noch nicht. Wenn ihr das Bevölkerungswachstum stoppt, so garantiert das keine Nachhaltigkeit – aber es ist absolut garantiert, dass ihr keine Nachhaltigkeit haben könnt, wenn ihr das Bevölkerungswachstum weiter vorantreibt. Und ein gewissermaßen daraus folgendes zweites Grundgesetz der Nachhaltigkeit lautet: „Je größer die Ausgangsbevölkerung ist, desto schwieriger wird der Übergang zur Nachhaltigkeit zu bewerkstelligen sein.“

JG: In Ihrer Vorlesung sprechen Sie über das Ölfördermaximum. Wann wird Ihrer Meinung nach die Rohölproduktion ihren globalen Höhepunkt erreichen?

AB: Der Begriff Ölfördermaximum beginnt häufiger benutzt zu werden. Er wurde zuerst 1956 von Dr. M. King Hubbert, einem US-Geophysiker vorgeschlagen. Er wies damals darauf hin, dass die Ölförderung der USA zwischen 1966 und 1971 ihre Spitze – das absolute Maximum – erreichen würde. Und er wies darauf hin, dass die Geschichte der Förderung jeder begrenzten Ressource mit Null beginnt, dann auf ein oder mehrere Spitzenwerte ansteigt, um dann wieder nach Null abzufallen. Vor 200 Jahren gab es noch keine nennenswerte Ölförderung auf der Erde und in weiteren 200 Jahren von heute gerechnet wird es wahrscheinlich erneut keine nennenswerte Ölförderung mehr geben. Irgendwo dazwischen wird die absolut höchste Spitze liegen. Und die Frage ist: wann wird das sein? Meine eigene Analyse aus dem Jahr 2000 ergab basierend auf weltweiten Gesamtvorräten in Höhe von 2000 Milliarden Barrel, dass das Ölfördermaximum im Jahre 2004 erreicht sein würde. Sollten die Vorräte 3000 Milliarden Barrel betragen, so ist das Maximum erst 2019 zu erwarten. Die Angabe 2000 Milliarden Barrel hatte ich dabei geologischer Fachliteratur entnommen. Sie ergab sich als generelle Übereinstimmung vieler Einzelschätzungen aus den Federn vieler Geologen. Sie ist relativ unsicher – der Fehler liegt bei 40 bis 50 Prozent. Verwendet man sie trotzdem, so errechnet sich daraus das Jahr 2004. Daher könnten wir den Zeitpunkt des Ölfördermaximums bereits überschritten haben. Zwei Geologen, Colin Campbell und Jean Laherrere, die sich auf die globale Rohstofflage spezialisiert haben, schrieben im März 1998 einen Artikel im Scientific American. Darin sagten sie voraus, daß das Ölfördermaximum vor dem Ende dieser Dekade, d.h. vor dem Jahr 2010 erreicht werden würde. Die späteste Schätzung, die ich von einem Fachmann zu Gesicht bekommen habe, stammt von einem Geologen-Kollegen an der Universität von Colorado. Er spricht vom Jahr 2025. Diese Zahlen stehen im starken Kontrast zu den Angaben vieler nicht naturwissenschaftlich ausgebildeter Autoren, von denen wir alle möglichen vagen Antworten erhalten, sei es „Es wird nie ein Maximum geben“ oder „Die Vorräte werden 10.000 Jahre reichen“. Ich kenne keinerlei Anhaltspunkte, die derartig wilde Spekulationen stützen könnten.

JG: Und was werden Ihrer Meinung nach die Konsequenzen des Endes des Billigölzeitalters sein, vor allem für die Nahrungsmittelproduktion?

AB: Nun, Sie fragen nach der Landwirtschaft. Ich denke, wir müssen zuerst die Definition der modernen Landwirtschaft liefern: „Moderne Landwirtschaft ist der Gebrauch von Land zur Umwandlung von Erdöl in Nahrung.“ Das spiegelt die Tatsache wieder, dass Landwirtschaftsbetriebe Traktoren benutzen; sie benutzen Düngemittel, die entweder Erdöl oder Erdgas für ihre Produktion benötigen; die Nahrungsmittel müssen verarbeitet werden; sie werden über lange Strecken transportiert; dann werden sie verpackt, verteilt und schließlich verzehrt. In den USA gibt es Schätzungen, nach denen das durchschnittliche Produkt, welches sich auf dem Eßtisch wiederfindet, seit seiner Herstellung ungefähr 2500 Kilometer weit gereist ist. Und die gesamte Reise wurde durch Erdöl ermöglicht. Dies bedeutet mit Sicherheit, dass wir das Essen zukünftig nicht mehr über große Entfernungen liefern können, weil diese Transporte Erdöl erfordern.

Sehr häufig hören wir Leute sagen, die moderne Landwirtschaft sei die effizienteste Landwirtschaft, die es je gab. Diese Aussage basiert jedoch auf einer ungeeigneten Definition der Effizienz. Sie basiert nämlich auf der Frage, wie viele Arbeitsstunden in der Landwirtschaft benötigt werden, um eine bestimmte Menge Nahrungsmittel zu produzieren. Aber man kann Arbeitsstunden nicht mit Nahrungsmittelmengen vergleichen. Man muß schon Äpfel mit Äpfeln vergleichen. Nimmt man richtigerweise die Energie als Maßstab, so muß man untersuchen, wie viele Energieeinheiten benötigt werden, um eine Energieeinheit auf dem Teller bereitzustellen. Und eine solche Abschätzung ergibt dann, dass ungefähr zehn Energieeinheiten, das meiste davon in Form fossiler Brennstoffe, verbraucht werden, um eine Energieeinheit auf den Teller zu bringen. Dies bedeutet, dass die moderne Landwirtschaft weniger effizient ist, als alles, was die menschliche Geschichte je gesehen hat, und diese Effizienz verringert sich sogar noch Jahr für Jahr.

JG: Werden wir Ihrer Meinung nach einmal in der Lage sein, die gegenwärtige Weltbevölkerung von 6,5 Milliarden Menschen zu ernähren, oder sogar die 9 Milliarden, die für 2050 vorausgesagt werden?

AB: Das kann ich mir nicht vorstellen. Die weltweite pro Kopf Nahrungsmittelproduktion ist seit Mitte der 80er Jahre gesunken. Diese Angabe stammt von Lester Brown vom Earth Policy Institute und sie bedeutet, dass die Bevölkerung schneller wächst, als die Nahrungsmittelproduktion. Wenn die Bevölkerung auch weiterhin schneller wächst als die Nahrungsmittelproduktion, dann bewegen wir uns eindeutig auf die von Thomas Malthus bereits vor 200 Jahren vorhergesagte Tragödie zu. Für mich ist äußerst interessant, die große Zahl der Ökonomen zu hören, die behaupten, wir hätten bewiesen, dass Malthus sich irrte. Ich habe Malthus dreimal gelesen. Malthus hatte recht. Ich denke, wir müssen das erkennen und einsehen, dass wir nicht das Bevölkerungswachstum fortsetzen und zugleich irgendeine Hoffnung auf ausreichende Ernährung der Menschen hegen können. Und ich denke, wenn wir nichts tun oder unseren bisherigen Pfad weiter begehen, dann wird ein immer größerer Anteil der Weltbevölkerung unterernährt und am Verhungern sein während lediglich ein kleiner Bruchteil gut ernährt ist.

JG: Wie können wir denn mit der dominanten Wachstumsideologie umgehen, die alles Denken in modernen Gesellschaften überschattet? Wie können wir das umdrehen? Wie können wir uns in eine Gleichgewichtswirtschaft umwandeln?

AB: Die einzige Hoffnung ist Bildung. Zu viele Leute glauben, wir könnten ewiges Wachstum haben und die meisten davon sind keine Wissenschaftler. Sie verstehen die Exponentialrechnung einfach nicht. Sie glauben an das ewige Wachstum. Und wir leben in einem freien Land. Es sollte uns erlaubt sein, jeden Unsinn zu glauben, wenn wir dies wünschen. Wir können an die Zahnfee glauben oder an Walt Disney’s erstes Gesetz: „Wünsch dir was und es geht in Erfüllung“. Aber die Natur funktioniert nicht so. Sie ist nicht demokratisch. Man kann keine Stimme für die Änderung der Naturgesetze abgeben. Ich denke wir müssen unsere repräsentative Demokratie nutzen und unsere Repräsentanten mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln darauf hinweisen und ihnen beibringen, dass die Arithmetik bei der Gestaltung unserer Politik eine große Rolle spielt und eine noch größere Rolle spielen sollte. Und die Bevölkerungspolitik unserer Regierungen sollte auf dem Verständnis der Tatsache basieren, dass die Bevölkerung nicht weiter wachsen kann. Wir sollten humane Schritte einleiten, um das Bevölkerungswachstum auf Null zu senken und anschließend die Bevölkerungszahl durch natürliche Prozesse auf einen nachhaltigen Stand absinken lassen. Wenn wir das nicht tun, so wird die Natur es für uns übernehmen und die Methoden der Natur sind sehr hart. Wir können das bereits in Teilen Afrikas verfolgen, wo die AIDS Epidemie unglaublich viele Todesopfer fordert. Und der Tod durch AIDS in Afrika ist nur eine der Methoden, die der Natur zur Lösung des Problems zur Verfügung steht. Wir sollten zum frühestmöglichen Zeitpunkt eigene Schritte einleiten, um das Bevölkerungswachstum auf Null zu reduzieren und wir in den entwickelten Nationen müssen dies zuerst tun, um in einer guten Ausgangsposition zu sein, den weniger entwickelten Nationen dasselbe zu raten und ihnen dabei zu helfen. Wir können nicht unserem eigenen Bevölkerungswachstum untätig zusehen und gleichzeitig anderen Nationen den Stop ihres Bevölkerungswachstums predigen.

JG: Vielen Dank Herr Professor Bartlett.

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Zum “”Online-Video-Vortrag Arithmetik, Population & Energie von Prof. Al Bartlett:

DVD, erhältlich im US-Books Store

Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V., Rosenweg 4, 30627 Hannover; www.herbert-gruhl.de / www.naturkonservativ.de