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Begegnungen mit Carl Amery und Herbert Gruhl
Von Götz Fenske
Die Gefahren, die durch Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung hervorgerufen werden sind heute, nach jahrzehntelangen Debatten, durchaus weit bekannt, schließlich werden ökologische Probleme heute in den Medien in eingehender Weise dargestellt. Eine ganz andere Sache ist, dass die Menschen durch das, was sie über die reale Welt und über die langfristigen Chancen des Überlebens wissen, offensichtlich nicht ausreichend motiviert werden, ihr Verhalten zu ändern. Diese Bewusstseinsspaltung, die sich zwischen Wissen und praktischem Tun so schwarz und bedrohlich aufgetan hat, ist es, die uns heute in tiefe Sorge stürzt.
Als Datum des Beginns der Umweltdebatte wird meist das Jahr 1962 genannt, in dem Rachel Carsons Buch „The silent Spring“ erschien. Für Deutschland gilt aber, dass diese Umweltdebatte erst Ende der sechziger Jahre eine kritische Dimension erreichte und damit mehr wurde als ein Thema für Fachleute und gesellschaftliche Randfiguren. Und genau in diesen Jahren fanden Herbert Gruhl und Carl Amery zum Thema politische Ökologie, und dies blieb dann für beide bis an ihr Lebensende die zentrale Aufgabe, der sie ihr weiteres Leben widmeten. Die Buchveröffentlichungen, die aus der Feder Herbert Gruhls und Carl Amerys zur Thematik der politischen Ökologie in dem folgenden Jahrzehnt erschienen, hatten eine enorme, heute kaum vorstellbare Wirkung. Beiden wurde als Folge dieser Buchveröffentlichungen die Rolle von Vordenkern der Ökologiebewegung gewissermaßen auf den Leib geschrieben. [...]
[Seite 90/91. Volltext, in: “Naturkonservativ. 2008/2009”, Gerhard-Hess-Verlag, 2009, S. 90-110]
[...] Einige Tage später fuhr ich dann zu einer ersten Zusammenkunft der neu zu gründenden Partei, der GAZ, nach München, wo ich mich wiederum in einem übervollen Saal fand. Es war, wenn ich mich recht erinnere, ein Saal im Hofbräuhaus. Gruhl stellte als erste programmatische Basis für diese Partei das Grüne Manifest vor, betonte aber, dass dies noch nicht ein gewissermaßen von oben beschlossenes Parteiprogramm sein solle. Zu dieser Veranstaltung kam auch, etwas verspätet, Carl Amery. Da er keinen Sitzplatz mehr fand, nahm er kurzerhand vorn auf dem Fußboden Platz. Er meldete sich auch bald zu Wort und erklärte, er wolle die neue Partei unterstützen, es müsse nur sichergestellt sein, dass in diese Partei keine rechtsradikalen Kräfte eindringen könnten. Diese Bedenken waren berechtigt, allerdings war die Gefahr des Eindringens von kommunistischen Sektierern und chaotischen Randgruppen aller Art viel größer.
Es gab, das sollte sich in den kommenden beiden Jahren noch deutlicher zeigen, eine Vielfalt von politischen Sonderlingen, die in der Vergangenheit erfolglos ein winziges politisches Krautgärtchen gepflegt hatten und die nun glaubten, mit der ökologischen Problematik und dem bekannten Namen Herbert Gruhl wie mit einem Aufzug auf weithin sichtbare Bedeutung angehoben werden zu können. Für mich waren diese Versammlung und zahlreiche ähnliche in späterer Zeit enttäuschend, aber auch lehrreich zugleich. Ich hatte, trotz allgemeiner Skepsis, doch erwartet, dass das gebildete Bürgertum Gruhl unterstützen würde. Es war doch klar, dass das Umweltproblem in erster Linie in dieser Bevölkerungsgruppe wahrgenommen wurde, nicht von der Unterschicht und nicht von den Wirtschaftskreisen. Wo waren also auf diesen Versammlungen Vertreter aus der Wissenschaft, Vertreter aus den Naturschützerkreisen, wo lebenserfahrene, gebildete Menschen z.B. aus der Mittelschicht? Die traurige Wahrheit war: Diese Kreise waren fast nicht vertreten, hingegen schillernde Figuren wie Prof. Kaminski, der irgendwo im Ruhrgebiet eine Volkssternwarte betrieb und der in erster Linie wohl ein Selbstdarsteller war. Derartige Veranstaltungen erlebte ich in den folgenden Jahren noch mehrfach. Es schien dann in der grünen Mitgliederschaft geradezu eine Lust am Chaos zu bestehen, denn wenn wirklich jemand als Person sich bei solchen Gelegenheiten als kenntnisreich und rhetorisch gewandt erwies, dann taten sich alle möglichen Leute zusammen, um diesen gerade deshalb abzuschießen. Chaos also nicht als lastendes Verhängnis, sondern planvoll herbeigeführt, um im Nahkampfgerangel dann doch irgendwie eine einflussreiche Position zu erreichen. Es ging eben nicht um die Sache, es ging eben nicht um das Ziel, die Industriegesellschaft aus einer verhängnisvollen Entwicklung herauszuführen. Diese Problematik war nur Werkzeug, um sich in Szene zu setzen. Ich glaube, dies als ziemlich objektiver Beobachter ganz deutlich wahrgenommen zu haben, war ich doch selbst freiberuflich tätiger Arzt, mit Arbeit ohnehin überhäuft, in einer beruflichen Stellung, wie ich sie mir besser nicht wünschen konnte. Ich wollte im politischen Leben nun wirklich nichts mehr werden und die Mitgliedschaft in der GAZ bzw. bei den Grünen war für mich nur eine Verpflichtung, die sich aus meinen Überzeugungen ergab, keinesfalls eine berufliche oder gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeit.
In diesen Jahren zwischen 1978 und 1980 habe ich Gruhl auf solchen Versammlungen verschiedentlich privat gesprochen und beobachtet, wie er immer wieder aufs Neue über den Mangel an Anstand und Vernunft empört war. Auch programmatisch kam Gruhl mit den Grünen in diesen Jahren immer weniger zurecht. Gruhls Grundüberzeugung war, dass es an sozialen Wohltaten nichts mehr zu verteilen gab und dass man sich im Gegenteil darauf einstellen müsse, dass das Wohlstandsniveau sinken werde. Deswegen konnte er sich mit der damaligen Forderung nach der 35 Stunden–Woche bei den Grünen nicht abfinden. Gruhl hatte weiterhin ein konservatives Familienbild und programmatische Schwierigkeiten mit extremen feministischen Positionen. Programmatisch war bei den Grünen damals viel möglich, ich erinnere an die Forderung nach sexueller Selbstbestimmung bei Kindern unter 14 Jahren, hinter der offensichtlich Päderasten standen. Daß Gruhl dann 1981 bei den Grünen austrat, hat mich nicht weiter verwundert. Ich erinnere mich an eine Versammlung der GAZ, des Grünen Vorläufers, in Bonn, an der ich teilnahm und die Gruhl nach seinem Ausscheiden bei den Grünen einberufen hatte. Es zeichnete sich die Gründung einer zweiten ökologischen Partei ab. Allerdings war mein Eindruck von dieser Versammlung leider auch nicht ermutigend. Ich glaubte, dass die Basis zahlenmäßig zu schwach sei und dass es auch an profilierten Köpfen fehle. Politik ist ein Handwerk, das war mir damals klar, wo man gewisse Befähigungen mitbringen muß und an solchen Leuten schien es mir zu fehlen. Ich schrieb deshalb einen Brief an Gruhl, um ihm meine Bedenken mitzuteilen. [...]
[Seite 96-98. Volltext, in: “Naturkonservativ. 2008/2009”, Gerhard-Hess-Verlag, 2009, S. 90-110]
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