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Naturkonservati
Jahrbuch der Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V. 

Aus dem ökologischen Tagebuch

Seit dem Jahrgang 2003 wird dem ökologischen Tagebuch eine Karikatur von Horst Haitzinger vorangestellt.

Die Tagebuchnotizen geben in jedem Jahrgang von “Naturkonservativ” einen Jahresrückblick ab. Beleuchtet werden Ereignisse, die für Natur und Umwelt relevant sind. Jede Notiz hat einen Umfang von etwa einer halben bis zwei Buchseiten. Nachfolgend zwei Beispiele aus dem “Ökologischen Tagebuch” der Jahrgängen 2006 und 2007:

Juli 2007: Die verkannte Öko-Relevanz der Bevölkerungsdichte

Wissenschaftler betonen in jüngster Zeit wieder häufiger die Bedeutung der Bevölkerungsentwicklung für die anthropogene Belastung von Ökosystemen und des Weltklimas. Journalisten tun sich mit dieser Problematik oft schwer. So titelt SPIEGEL ONLINE am 24.07.2007: “Weniger Menschen: Geburtenkontrolle soll Klimawandel stoppen. Werdet einige Milliarden Menschen los, beschrnkt die Geburtenrate: Das fordert ein britischer Forscher, um die globale Erwrmung zu bremsen. Doch sein Lsungsvorschlag entpuppt sich als klassische Milchmdchen-Rechnung.)” Gewiß, immer mehr PS unter der Motorhaube haben zu wollen bedeutet mehr Energieverschwendung und mehr Kohlendioxydausstoß. Hier müßte im Interesse des Klimaschutzes angesetzt werden, meint SPIEGEL-ONLINE. Richtig. Aber ebenso haben Rapley und die Wissenschaftsorganisation OPT völlig recht, daß die absolute Bevölkerungszahl eine ökologisch relevante Größe darstellt. Auch die Bevölkerungsdichte Deutschlands übersteigt ja die Grenzen der ökologischen Dauertragfähigkeit bei weitem, selbst wenn alle am Existenzminimum leben würden! Für eine optimale Ökobilanz müßte an beiden Schrauben gedreht werden: an den überhöhten Bevölkerungszahlen und Vermehrungsraten sowie den überhöhten materiellen Ansprüchen. Das betrifft dann alle Kontinente der Erde.


China hat die USA beim Kohlendioxydausstoß fast schon überholt, obwohl der Lebensstandard dort weit geringer ist als in den USA. Woher kann das nur kommen? Die Anlagen sind dort veraltet, ein hoher technischer "Nachholbedarf" wird geltend gemacht. Gut und richtig. Aber entscheidend ist eben auch, dass China über viermal so viele Einwohner hat wie die USA. Reichen die Mathematik-Kenntnisse des “Spiegel” aus, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen? Gandhi hat 1928 gesagt: "Gott verhüte, dass Indien jemals zu einer Industrialisierung nach dem Muster des Westens schreitet. ... Falls eine ganze Nation mit 300 Millionen Einwohnern auf eine ähnliche ökonomische Ausbeutung setzt, würde die Welt kahlgefressen ...", also der Planet Erde geplündert werden. Gandhi hat damals die beiden entscheidenden Schadgrößen klar gesehen; der Spiegel kann das heute offenbar nicht.


Ergo: Wir müssen weg von unserer verschwenderischen Protzerei und unseren überhöhten Bevölkerungszahlen, anderswo muss man weg von den überhöhten Vermehrungsraten; das Bestreben, uns die Vergeudung nachzumachen, ist den Schwellenländern moralisch nicht abzusprechen, in ihrer ökologischen Konsequenz aber zu sehen. Gerade weil anderen Völkern nicht abgesprochen werden kann, das zu tun, was wir tun, nämlich zivilisatorisch gut zu leben, ist eine Eingrenzung der Bevölkerungsvermehrung um so bedeutsamer. Wir brauchen viele Maßnahmen; der vom SPIEGEL genannte Abschied von der PS-Protzerei ist keineswegs die EINZIG nötige. Da produziert der Spiegel genau das, was er selber als "Milchmädchenrechnung" bezeichnet. Wer ständig von einem EINZIGEN Ausweg redet, hat oft keinen Platz mehr für den Gedanken, was AUCH (oft sogar vorrangig) nötig ist. Was sagt ein Wissenschaftler, der differenzierte Berechnungen in den Medien derart süffisant behandelt sieht? Die HGG fragte den mit der Ökosystemanalyse vertrauten Mathematikprofessor Dr. Dietrich Schwägerl. Antwort: “Entstellende Berechnungen war ich [Schwägerl] von ideologisch fixierten Demagogen (aus Politik, Wirtschaft etc.) bis zum Überdruss gewohnt; es ist das genaue Gegenteil von objektiv richtiger Sachinformation auf der Basis der Fakten.”
(V. Kempf)

 

Oktober 2006: Heinz Sielmann ist tot

1978_Alpen_ZugspitzmassivHeinz Sielmann (2.6.1917 – 6.10.2006), dessen Sendungen „Expeditionen ins Tierreich“ aus den Jahren 1965 bis 1991 legendär sind, war wohl der letzte, der gefilmte Naturbeobachtungen mit Umwelteinbindungen und ökologischen Fließgleichgewichten – vorsichtig – in Verbindung brachte. Das wurde ihm sicher noch von seinen beruflichen Freunden angetragen, Grzimek, Stern und Eibesfeldt. Übrig blieb sein abgeleiteter Spruch: „Gebet dem Menschen, und der Natur, was der Natur ist.“

Doch das ist inzwischen längst vorbei! Der neue Trend heißt: Naturfilme ohne Probleme. Beeinflussung und Einengung durch den Menschen, insbesondere des Lebensraums, werden nicht thematisiert, Pflanzen- und Tierwelt stehen beziehungslos nebeneinander. Besonders demagogisch verpackt ist das bei den personifizierten Filmen von BBC und Discovery, die zudem noch – trotz 2-Kanal-Ton Übertragungstechnik – immer zweisprachig ineinander überblendet in möglichst gleicher Lautstärke gesendet werden, so daß man auf das Auseinanderhalten der Sprachen konzentriert ist und nicht über den Inhalt mit- und nachdenken kann. Einfach nur eine kulinarisch unpolitische Unterhaltungsstunde.

Einfach nur noch zu unterhalten klappt aber nicht immer so gut: Die sechsteilige japanische Fernsehserie „Wunderbarer Planet“, gesprochen von Klaus Eckert, wurde nachträglich auf drei Filme zusammengestrichen und mit einem harmlosen Begleitgerede versehen. Beide Fassungen wurden seit 15 Jahren nicht mehr gesendet.

Die erst vor wenigen Jahren vom Österreichischen Fernsehen gefertigter Serie “Rastlose Gipfel“, gesprochen von Otto Clemens, wurde nur einmal in 3sat ausgestrahlt. Danach hat der Bayerische Rundfunk eine Zensurfassung, gesprochen von Joachim Höppner, angefertigt, die eine unübertrefflich üble Verharmlosung und Volksverdummung darstellt („Ach ist das Murmeltier schön wachsam“). Allein diese ökologiefeindlichen Verfälschungen können einen ökologisch denkenden Menschen nur wütend machen.

Doch dahinter steckt Methode. Der ewige Gegensatz zwischen Mensch und Natur wird verschwiegen oder gar geleugnet (geförderter Ökooptimismus), ebenso die Tatsache, daß die real existierenden westlichen Werte grundsätzlich unökologisch sind. Denn schließlich gibt es nur Verantwortung gegenüber dem Geld, und nicht der Sache Natur. Und bekanntlich sollst Du keine anderen Götter haben neben mir. Daß sich entsprechende Protagonisten mitunter konservativ nennen, ist eine Lebenslüge.

Für die Linken ist der Universalanspruch der Ökologie übrigens auch nur ein Konkurrent. Die von Matthias Platzeck geführte Brandenburger Landesregierung hat inzwischen den gesamten Umweltschutz quasi abgeschafft. Die Naturschutzgebiete sind aufgehoben, das Grundwasser kann abgepumpt und alle Bäume können gefällt werden. Die Gewässer dürfen zum Wohle des Menschen leergefischt und als Hochgeschwindigkeitsbahnen für Motorboote mißbraucht werden. Demnächst werden sie dann für die Europa-Hochseeschifffahrt freigegeben, was bestimmt ein paar neue Arbeitsplätze schaffen wird.

Das alles hat Sielmann noch bewußt miterlebt. Und er war klug genug, über seine („Apfelbäumchen“-)Stiftung hinaus auch die fatale Entwicklung zu sehen. Darauf, „ein paar Schlenker“ zu machen, als wäre dem doch nicht so, wie Herbert Gruhl sich – auf die geläufige Umweltpublizistik anspielend – in einem seiner letzten Interviews ausgelassen hat, hat sich Sielmann als kompetenter Ökologe verbal nicht eingelassen. Aus Sielmanns späten Vorträgen war das deutlich zu entnehmen. (Günter Neumann)