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Rezension aus dem Jahrbuch “Naturkonservativ. 2007”:
Franz Vonessen: Wiederentdeckung eines verlorenen Wegs. Platons Ideenlehre. Band I: Seelenlehre. Zug/Schweiz: Die Graue Edition, 2001, 483 Seiten, 24 Euro; (ISBN 3-906336-30-1)
Franz Vonessen: Der Philosoph als König. Platons Ideenlehre. Band II. Zug/Schweiz: Die Graue Edition, 2003, 253 Seiten, 19 Euro; (ISBN 3-906336-39-5)
Franz Vonessen: Platonische Liebe und Frauengemeinschaft. Platons Ideenlehre. Band III. Zug/Schweiz: Die Graue Edition, 2005, 274 Seiten, 21 Euro; (ISBN 3-906336-45-X)
Platons Werk Politeia, zu deutsch Der Staat, gilt als das wirkungsreichste Werk der abendländischen Philosophie. Kaum ein Denker von Rang und Namen, der nicht seine eigene Interpretation dazu abgeliefert hat. Die eine Seite hält Platon für den größten, nämlich mit seiner Wahrheitsliebe unerreichten Philosophen. Die andere Seite sieht in Platon einen Vorläufer des Totalitarismus. Franz Vonessen begibt sich mit seiner drei Bände umfassenden Platon-Interpretation nicht direkt in diesen Streit hinein, sondern versucht Platons Denken mehr phänomenologisch zu erschließen. Er geht dabei sogar hinter die Perspektive von Aristoteles zurück. Am Ende wird deutlich, daß für Vonessen Platon zu den größten aller Denker gehört, dessen Kritiker ihn eigentlich nur in eine „sekundäre Rationalität“ eingepaßt haben, die bei ihnen selbst zu suchen ist.
Platon macht es den Lesern aber auch nicht immer leicht, weil manche seiner Äußerungen ironisch gemeint sind, aber ohne Bedacht für wörtlich genommen werden. Vonessen wertet das als eine Aufforderung, selber zu denken. Ansonsten macht Platon an Stellen, die von der Sache her mißverständlich sein könnten, um so deutlichere Aussagen, streicht Vonessen heraus.
Im ersten Interpretationsband Platons Ideenlehre ist zu erfahren, daß in den Metaphern – nicht wie in der Neuzeit üblich, in Begriffen – scheinbare Widersprüche aufgelöst werden. Man muß schon in das antike Denken zurückgehen, um zu verstehen, daß die fruchtbare Erde der Sitz aller Wesen ist, womit der Stuhl zum Urbild der Idee wird. Noch heute kommt dieses Urbild in Bezeichnungen für Berge zum Ausdruck. Man denke hier etwa an den Kaiserstuhl (vgl. Bd. I, S. 199 ff).
Aber auch die Aussage Platons, wonach Tugend Wissen sei, verlangt nach einer Auflösung. Dabei unternimmt Vonessen eine Akzentverschiebung gegenüber der Auffassung, daß aus Wissen das rechte Handeln hervorgehe, da ihm das zu kurz greift. Nicht Wissen verbürge „schon das rechte Verhalten“, wie neuzeitlich gemeint werde, sondern es sei das „letzte und Schwerste“, also nicht die „Vorbedingung“, sondern die „Krönung“ (Bd. I, S. 272). Was man oberflächlich besehen vielleicht als sprachliche Spitzfindigkeit abtun möchte, läßt Platons Denken plötzlich in einem neuen Licht erscheinen.
Der „Philosoph als König“, der im ersten Band bereits behandelt wird, wird im zweiten Band zu einem eigenen Thema. Es geht um das Schwierigste, nämlich zu Wissen und Weisheit zu gelangen. Wer das meistert, hat das Wissen, das ein König idealerweise braucht. Wenn Politiker immer wieder meinen, selbst am meisten Wissen und Kompetenz zu haben, weil sie schließlich in führende Positionen gewählt wurden, dann sind sie weit davon entfernt, mit Wissen und Weisheit zu regieren. Der Gang der Geschichte zeigt deutlich, wie schlecht es bei der Macht meist um Wissen und Weisheit bestellt ist. Aber der Philosoph als König bleibt ein anzustrebendes Ideal für die politische Kultur, wird es auch nie erreicht werden.
Vonessens Platon-Interpretation wäre aber unvollständig, würde sie nicht auf die am meisten als problematisch empfundene Frauengemeinschaft eingehen. Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei die Erkenntnis, daß Liebe als Liebe zur Weisheit die Vollendung des Menschseins ist. Der vollendete Mensch wäre nicht eifersüchtig, sondern würde Freuden mit Freunden teilen, auch sexuelle. Dieses Vollkommensein ist aber nur ein Ideal. Das Eheleben will Platon nicht in Neidlosigkeit auflösen, und auch Vonessen schreibt kritisch von der Auflösung der Ordnung im Liebes- und Eheleben in unserer Zeit. Es geht vielmehr darum, Liebe in ihrer Vollkommenheit zu sehen, also ohne Neid. Diese vollkommene Liebe mag gerade im Bereich der geschlechtlichen Beziehung weit entfernt sein wie ein Stern, aber wer wollte sich einen solchen Zustand nicht zumindest vorstellen und dieser Vorstellung näher rücken wollen. Mit dem Alter kommt man diesem Ideal meist sogar ein Stück näher, wird weiser und sich nicht mehr so leicht Liebeskummer bereiten. Ein weiser Mensch wird mit Unvollkommenheiten seiner Mitmenschen und seiner selbst rechnen. Auch das ist nur ein Ideal, denn der Betrug über sich selbst ist der, der sich am leichtesten einschleicht, weshalb Wissen in der Tat das Schwierigste ist.
Aber damit ist noch nicht alles über die Liebe gesagt, schon gar nicht über die platonische. Wenn Vonessen von Liebe spricht, unterscheidet er diese von der Verliebtheit. Wer verliebt ist, verliert sich selbst, liebt nicht wirklich. Liebe zur Weisheit trügt nicht, wie das bei der Verliebtheit der Fall ist, sondern lichtet. In diesem Sinne sind bei Platon Eros und Licht als Einheit zu verstehen. „Das Wunder des Seins, die Gewißheit, daß es Seiendes gibt, daß nicht Nichts ist, ist das Wunder des Lichts: zuerst des sinnlichen, aber weithin aller Lichtquellen, die existieren: ein Buch wird mehr Dunkel erhellen, mehr Lichtung verbreiten, als eine Gruppe von Scheinwerfern.“ (Bd. III, S. 261) Man sieht also nicht nur mit den Sinnen, sondern der Geist muß mitsehen, um zu Wissen zu gelangen. Wissen heißt im Griechischen so viel wie „gesehen haben“ (Bd. III, S. 206), womit der Zusammenhang von Wissen und Licht erhellt wird. Was im Kosmos die Sonne, ist dem Menschen die Vernunft, von der er aber kaum mehr als einen Funken besitzen kann. Grund zum Hochmut gibt es damit nicht.
Zum Menschsein gehört die Liebe zur Weisheit. Ähnlich wie die Vernunft, wird auch die Weisheit nie erreicht, aber ihr nahe zu kommen gehört zum Streben nach der Vervollkommnung des Menschen. Das ist nicht instinktfeindlich zu verstehen, sondern die Instinkte gehören zum Menschen dazu. Weil dem so ist, wird der Leser von Platons Der Staat sehen, welch großen Stellenwert darin Erziehung und Bildung einnehmen, um den Menschen zu kultivieren.
Für Platon sollten alle Kinder geliebt werden, so als ob man nicht wüßte, von welchem Kind man selbst der Vater sei. Auch das ist ein hohes, unerreichbares Ideal. Hat Sokrates deshalb selbst Zweifel, ob und wie seine Vorstellung von einer Frauengemeinschaft sich „überhaupt durchführen läßt“ und ob das dann auch das „Beste sei“ (Platon 450b-451a)? Kommt hier die Ironie ins Spiel, die verstanden werden will? Fragezeichen mögen bleiben und laden ein, ein Buch nach seiner Lektüre nicht einfach wegzulegen, sondern den Prozeß des Nachdenkens in Gang zu halten. Vor allem sollen Detailfragen nicht den Blick auf das Große und Ganze der Ideenlehre Platons verstellen. Vorliegend wird dann auch versucht, im Lichte des Ganzen wichtige Details der Ideenlehre Platons verständlicher erscheinen zu lassen. Das ist die Stärke der Untersuchung Vonessens.
Einen vom Zeitgeist unverstellten Einblick in die geistige Welt Platons darf der philosophisch interessierte Leser von der dreibändigen Platon-Interpretation Vonessens erwarten. Dabei können die ersten beiden Bände gut unabhängig voneinander gelesen werden, während der dritte Band sich mehr den besonders schwierigen Problemen eines angemessenen Platonverständnisses annimmt. (V. Kempf)
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