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2 von 5 Seiten des Beitrages von Sebastian Pflugbeil im Jahrbuch “Naturkonservativ heute 2003”.
Medizin statt Sarkophag: Schluß mit den Atomprojekten im Osten
Von Sebastian Pflugbeil
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs trifft man sie in Osteuropa und auch weit hinter dem Ural: die nadelgestreiften Geschäftemacher aus dem Westen. Eine besondere Sparte steht im Dienste der westlichen Atomlobby. Nach der Tschernobyl-Katastrophe war es nicht schwer, dieses Engagement zu begründen, waren doch die russischen Kernkraftwerke – egal welcher Baureihe verglichen mit ihren westlichen Gegenstücken mit gravierenden Mängeln behaftet, die schließlich auch Sicherheitsrisiken für das weit entfernte Westeuropa bedeuteten. Die Fata Morgana eines unendlichen Marktes für westliche Kerntechnik flimmerte lockend über dem östlichen Horizont. Aber zuerst mußte man ein Bein in die Tür bekommen: Patenschaften zwischen KKW-A-West und KKW-B-Ost wurden begründet, Reisen hin und her, Gedankenaustausch, fürstliche Bewirtungen brachen das Eis. Dann kam man zur Sache – die große Stunde der Lobbyisten, der Gutachter. Brüssel zahlte großzügig. Die Ergebnisse waren dürftig: die russischen KKW hätten schwere Mängel (was man vorher auch schon wußte), wenige kosmetische Verbesserungen wurden vorgenommen, der Europäische Rechnungshof schrieb eine vernichtende Kritik über den Einsatz europäischer Steuermittel in diesem Bereich. Scharfe Kritik wurde auch in der Ukraine laut, als 1995/96 bekannt wurde, daß aus europäischen Töpfen rund eine halbe Milliarde Dollar für Arbeiten am KKW Tschernobyl geflossen sind. Nachforschungen des Beraters für Tschernobylfragen beim Ukrainischen Parlament Volodimir Usatenko – in Brüssel ergaben, daß es nur für knapp ein Drittel der geflossenen Gelder Belege gab.
Es ist an der Zeit, eine öffentliche Diskussion über das Verhalten der Bundesregierung zu unseren östlichen Nachbarn auf dem Gebiet der Kernenergienutzung zu führen. Die Regierung brüstet sich mit den Vorteilen des liberalisierten Strommarktes, hat aber keinen blassen Schimmer, wie sie verhindern könnte, daß am Ende Strom aus russischen Kernkraftwerken aus der Steckdose kommt. Die Regierung macht auf Atomausstieg, winkt aber mit Hermesbürgschaften beim Bau westlicher KKW im Osten. Die Branche wittert endlose Gutachter- und Sanierungsaufträge an maroden KKW im Osten. Das „rechnet“ sich nur, wenn mit Atomstrom zurückgezahlt werden kann oder wenn die Steuerzahler im Westen dafür geradestehen müssen. Der Osten öffnet die Tore weit für westlichen Atommüll und harte Dollars, weiß aber (wie der Westen) nicht mal, wohin mit dem eigenen Atommüll. Gleichzeitig hat niemand Interesse, die Wirklichkeit über Risiken und die bereits vorhandenen Schäden, mit denen die Bevölkerung hier wie dort konfrontiert ist, auch nur wahrzunehmen.
Es ist an der Zeit für einen ernsthaften Versuch, daß sich Politiker, Wissenschaftler, Ärzte und betroffene Bürger aus den Gebieten um Tschernobyl treffen und gemeinsam Prioritäten setzen – zugunsten der geschädigten Menschen und nicht der sterbenden Atomindustrie in Ost und West.
An einem der umfangreichsten Projekte in diesem Zusammenhang – dem Bau eines zweiten Sarkophags in Tschernobyl – können wir deutlich machen, wo die Probleme liegen und wie wir damit in Deutschland umgehen. Die rot-grüne Bundesregierung protegiert den Bau des zweiten Tschernobyl-Sarkophags. Sie war an der Beschaffung der erforderlichen Finanzen in Höhe von rund 768 Millionen Dollar beteiligt. Vor dem Hintergrund der vorliegenden abenteuerlich fatalen Erfahrungen in diesem Bereich erscheinen die Planungen für den zweiten Sarkophag als vorläufiger Höhepunkt. Es stellt sich nachdrücklich die Frage, weshalb es so leicht möglich ist, eine so große Summe für ein derart fragwürdiges technisches Projekt zusammenzubringen, zur Abwendung einer Gefahr, die es in dem angegebenen Umfang gar nicht gibt auf der anderen Seite aber für die schon geschädigten Menschen, die es wirklich gibt, nicht nur nichts getan wird, sondern ihnen auch noch eingeredet wird, daß sie sich nur besser die Zähne putzen müßten.
In den letzten Wochen wurde dieses Projekt von Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern stark infragegestellt. Das hat im Umweltministerium, unter Bundestagsabgeordneten und bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit für Unruhe gesorgt. Der Rückzug aus dem Projekt wäre peinlich, eine öffentliche Diskussion hätte die Kritiker aufgewertet, es erschien einfacher, sie für inkompetent und die vertretenen Thesen für unsinnig zu erklären. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) hat dem Intendanten des ZDF Prof. Dr. h. c. Dieter Stolte nahegelegt, „im Interesse der Wahrheit zu überdenken, ob der Beitrag“ der Kritiker im ZDF „ausgestrahlt werden soll.“ Prof. Stolte hat überdacht und dankenswerter Weise im Interesse der Wahrheit ausgestrahlt. Weshalb ist der zweite Sarkophag nicht mehr als ein teurer Flop:
Ukraine wie Westeuropa würden von einem Einsturz des Sarkophags gar nichts merken
Die offizielle Begründung für den zweiten Sarkophag war die „Bewältigung einer schwerwiegenden Sicherheitsgefahr für das Land selbst (gemeint ist die Ukraine, d.A.) wie auch für Europa insgesamt“. Tatsächlich weist der erste Sarkophag eine Reihe von Schwachstellen auf. Das schlimmste Szenarium, der Einsturz des Sarkophags, würde zwar eine radioaktive Staubwolke auf dem Gelände des Kernkraftwerks freisetzen, die Ukraine als Land oder gar Europa würden davon jedoch nichts merken. Es gibt keine Risikoanalyse, die zu einem anderen Ergebnis kommt. Die Begründung für den zweiten Sarkophag ist also faul.
Bis zu 95 Prozent des Kernbrennstoffs wurden bereits in die Umwelt geschleudert
Der Sarkophag wird unter anderem deshalb als so gefährlich angesehen, weil sich angeblich noch 95 bis 97 Prozent des Kernbrennstoffs (gemeint ist hier der Schwermetallanteil, also verschiedene Uranisotope und Transurane) im Sarkophag befinden. Der Autor ist jedoch zu der Überzeugung gelangt, daß wahrscheinlich bis zu 95 Prozent des Kernbrennstoffs aus dem Reaktorgebäude in die Umwelt geschleudert wurden.
Wie sind so gegensätzliche Aussagen möglich? Konstantin P. Tschetscherow, Physiker am Moskauer Kurtschatov-Institut, der Atomkaderschmiede der früheren Sowjetunion und des heutigen Rußland hat in mehr als 100 Publikationen allein zum zerstörten Block 4 von Tschernobyl seine fachliche Kompetenz bewiesen. Er ist darüber hinaus ohne Zweifel einer der kühnsten Erforscher des Inneren des zerstörten Reaktors. Tschetscherow ist rund 1000 mal im Sarkophag gewesen, um herauszubekommen, was da passiert ist und wie es heute dort aussieht. Dreimal war er im Herzen des Reaktors, dem sogenannten Reaktorschacht, wo normalerweise die Brennelemente stecken. Er hat Videoaufnahmen dieser Exkursionen, auf denen zweifelsfrei zu erkennen ist, daß er tatsächlich im Reaktorschacht herumklettert und daß dort faktisch kein Kernbrennstoff vorhanden ist. Etliche dieser Exkursionen waren so riskant, daß kein Vorgesetzter Tschetscherow und seine Kollegen dazu hätte auffordern dürfen. Er wollte es jedoch wissen. Seine Strahlenbelastung ist ohne Zweifel sehr hoch, es gibt dazu keine vollständigen Aufzeichnungen. Tschetscherows Thesen werden von erfahrenen Fachleuten in Russland und in der Ukraine gestützt.
Wo ist der Kernbrennstoff geblieben? Etwas ist nach unten durchgeschmolzen, aber nur wenig. Die Bilder der „Elephantenfüße“ gingen um die Welt. Heute läßt sich sicher sagen, daß die Bergleute, die unter dem zerstörten Block 4 eine Betonwanne bauen mußten, um das befürchtete Durchschmelzen des Reaktorkerns bis ins Grundwasser aufzuhalten, sinnlos verheizt worden sind. Tschetscherow hat folgende Hypothese zum Verbleib des Brennstoffs: der ganze Kern des Reaktors, ein riesiger Block aus Graphitstücken, wie ein löchriger Käse, in dem die Rohre mit Brennelementen und Steuerstäben stecken, ist in Sekundenbruchteilen wie eine Rakete aus dem Reaktorschacht nach oben gezischt. Dabei hat es den etwa 2.500 Tonnen schweren Deckel auf dem Reaktorschacht hochgewirbelt, der Reaktorkern ist daran vorbei etwa 40 bis 50 Meter hoch geflogen und auf diesem Weg zu einem Teil verdampft. Dann hat eine nukleare Explosion alles auseinandergerissen und fast den gesamten Kernbrennstoff in die Umwelt geblasen. Der schwere Deckel ist wieder heruntergekracht und steht heute schräg über dem Reaktorschacht. Man kann sich die Geschwindigkeit und die Gewalt, mit der das alles ablief, nicht gut vorstellen. Der o.g. schwere Reaktordeckel wiegt immerhin soviel wie 20-30 schwere Lokomotiven zusammen.
Dem Autor liegt eines der ältesten Papiere über die Einschätzung der Katastrophe vor. Es stammt vom 2. Mai 1986, wurde also nur 6 Tage nach der Katastrophe
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